
Wie Stress und Körper sich gegenseitig beeinflussen – die Rolle der Faszien
Faszien sind das bindegewebige Netzwerk, das unseren gesamten Körper durchzieht – sie umhüllen jeden einzelnen Muskel, jede Muskelgruppe, jedes Organ und jeden Organverband und verbinden so alles zu einem zusammenhängenden Ganzen. Was viele nicht wissen: Dieses Gewebe ist keineswegs passiv. In den Faszien verlaufen zahlreiche Nervenfasern, die direkt mit unserer inneren Alarmbereitschaft verbunden sind – jenem Mechanismus, der uns aktiviert, sobald wir angespannt, unter Druck oder gestresst sind. Springt dieser Mechanismus an, wirkt sich das unmittelbar auf das fasziale Gewebe aus: Spezielle Zellen in der Faszie reagieren mit einer Art Kontraktion, ähnlich wie glatte Muskelzellen. Die Folge: Das Gewebe zieht sich zusammen, wird steifer, und auch die darunterliegenden Organe und die Muskulatur reagieren mit erhöhter Spannung.
Um das zu verstehen, bekommst du hier einen kurzen Blick auf unser autonomes Nervensystem – also den Teil unseres Nervensystems, der unbewusst und automatisch abläuft, ohne dass wir ihn willentlich steuern können. Es besteht aus zwei Gegenspielern: dem Parasympathikus, der für Ruhe, Regeneration und Verdauung zuständig ist, und dem Sympathikus, unserem inneren Antreiber. Der Sympathikus ist evolutionär gesehen unser Rettungssystem: Früher hat er dafür gesorgt, dass wir blitzschnell reagieren konnten, wenn wir zum Beispiel vor einem Säbelzahntiger fliehen mussten – Herzschlag rauf, Muskeln angespannt, volle Kraft voraus. Dieses Programm kennt im Grunde drei Reaktionen: Fight, Flight oder Freeze – also kämpfen, flüchten oder erstarren. Das Problem ist: Unser Körper unterscheidet dabei nicht wirklich zwischen einem Säbelzahntiger und einem vollen Terminkalender, einer angespannten Familiensituation oder ständigem Zeitdruck. Auch in solchen Situationen springt der Sympathikus an – und weil wir heute viel häufiger in solchen Dauerbelastungen stecken als in echten Lebensgefahren, bleibt er bei vielen Menschen fast permanent aktiviert. Der Körper bekommt kaum noch die Gelegenheit, in den erholsamen Gegenmodus des Parasympathikus zu wechseln. Und genau dieser dauerhaft aktive Sympathikus ist es, der über die Nervenfasern in den Faszien auch das Bindegewebe in eine anhaltende Anspannung versetzt.
Bei kurzfristigem Stress ist das eine sinnvolle Schutzreaktion. Hält der Stress jedoch über längere Zeit an – sei er mental oder körperlich bedingt – bleibt diese Anspannung im Gewebe bestehen. So entstehen chronische Verspannungen, die viele Menschen als diffusen, oft schwer lokalisierbaren Druck oder als Steifheit spüren, ganz ohne dass ein einzelner Muskel überlastet wurde.
Und das Spannende ist: Diese Verbindung funktioniert auch in die andere Richtung. Ist ein Muskel dauerhaft überlastet – etwa durch einseitige Haltung, eine alte Verletzung oder körperliche Fehlbelastung – überträgt sich diese Spannung über die Faszie zurück auf das Nervensystem. Der Körper meldet diesen Zustand quasi "nach oben", und das kann sich auf unser Gefühlsleben auswirken: Menschen berichten dann von innerer Unruhe, Reizbarkeit oder einem diffusen Gefühl von Anspannung, ohne dass sie es sofort mit dem Körper in Verbindung bringen. Körper und Psyche stehen also in einem ständigen Austausch – in beide Richtungen.
Solche Spannungsmuster zeigen sich manchmal auch als Schwindel oder ein Gefühl von "nicht richtig im Gleichgewicht sein". Das hat einen nachvollziehbaren Grund: In der tiefen Nackenmuskulatur sitzen besonders viele Sensoren, die dem Gehirn ständig melden, wie der Kopf im Raum steht. Ist der Nacken dauerhaft angespannt oder verspannt, können diese Meldungen verfälscht werden – das Gehirn erhält dann widersprüchliche Signale von Augen, Gleichgewichtsorgan und Nacken, und es entsteht das Gefühl von Schwindel oder Unsicherheit, ganz ohne dass mit dem Innenohr selbst etwas nicht stimmt.
Der Mensch ist eine untrennbare Einheit aus Körper, Geist und Seele.
Alles, was wir in uns aufnehmen, uns ansehen, anhören, was wir essen, macht etwas mit unseren Strukturen.
Vereinfacht dargestellt ist zum Beispiel, was du dir anhörst, anschaust, also auf mentaler/ emotiononaler Ebene konsumierst , wie z.B. ständiges scrollen am Handy, Filme und Nachrichten, die dich belasten und unser Nervensystem stressen. Eindrücke, die dich eher schwächen als stärken, all das hinterlässt Spuren in dir.
Auf körperlicher Ebene führt dies zu einer flacheren Atmung, der Muskeltonus erhöht sich, auf Dauer können sich Spannungs- und Blockadenmuster im Körper speichern.
Vor einigen dieser Inhalte, die unser System eher schwächen, können wir uns meiner Meinung nach nicht ganz verschließen, aber wir sollten und dürfen hier lernen, uns dessen bewusst zu sein und Methoden finden, gut damit umzugehen.
Wir haben die Wahl, uns das anzuhören und anzuschauen, was uns nährt.

